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DFG-Projekt "Literarische Praktiken in Skandinavien um 1900"

Zusammen mit Prof. Dr. Stephan Michael Schröder, Professor für Nordische Philologie/Skandinavistik am Institut für Skandinavistik/Fennistik, Universität zu Köln.

Das Forschungsprojekt läuft vom 1.3.2010 bis zum 28.2.2013.

Zusammenfassung

Das Forschungsprojekt “Literarische Praktiken in Skandinavien um 1900”, angesiedelt an den Uni­ver­sitäten zu Freiburg, Gent und Köln, will durch die Integration performativitätsorientierter, me­dien­kulturwissenschaftlicher und literatur­soziolo­gischer Ansätze die Vielzahl literarischer Praktiken in Skan­dinavien um 1900 analysieren. Eine solche Untersuchung ist nicht nur ein Desiderat skandina­vi­sti­scher Literaturhistoriographie, sondern zugleich ein Beitrag zur Performativitätsforschung mit ihren kurrenten fünf Problemfeldern (Problem des Leitmodells, des Untersuchungsobjektes ‘Text’, des Histo­­risierungsdefizites, der begrifflichen Unschärfe und der Re-Auratisierung). Die in dem For­schungs­­projekt vorgenommene Begren­zung auf einen Zeitraum, einen Kulturraum und auf klar de­fi­nierte Prak­tiken erlaubt eine genaue Unter­suchung des breiten Spektrums von Performativität und der viel­fälti­gen, historisch wie kulturell kontin­genten Handlungsmöglichkeiten von und mit Texten. Diesen wird in den acht eng miteinander verknüpften Einzelprojekten nachgegangen, die sich mit Autoren­lesungen, Dichterehrungen, dem Liedvortrag, Literaturverfilmungen, der Inszenierung von Autoren im Film, Lite­ra­tur auf frühen Tonträgern, literarischen Praktiken in der Arbeiterbewegung und mit Schul-Lektü­ren auseinandersetzen.

Freiburger Teilprojekte

Teilprojekt 3: Liedvortrag als literarische Praxis 1870–1920 (Joachim Grage)

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt sich das Lied zu einer kulturell dominanten literarischen Rezeptions- und Vermittlungsform von lyrischen Texten, wodurch das literarische System nicht nur personell und institutionell, sondern auch medial und performativ expandiert: Komponisten, Sänger und Instrumentalisten werden zu wichtigen Interpreten und Vermittlern von Lyrik, der Konzertsaal einer der bevorzugten Räume der öffentlichen Rezeption von Lyrik. Zugleich ändert die musikalischliterarische Gattung des Liedes in signifikanter Weise ihren pragmatischen und formalen Rahmen: Zunächst ausschließlich im kleinen, intimen Kreise (Familie, Freundeskreis, Salon) vorgetragen, werden Lieder mehr und mehr in öffentlichen Konzerten dargeboten, zunächst nur als Teil eines gemischten Programms, später als alleiniger oder zentraler Inhalt des Abends. Sie bleiben nicht auf das kammermusikalische Format beschränkt, sondern nehmen auch symphonische Gestalt an. Die so skizzierten Prozesse haben auch Auswirkungen auf die Präsenz von Lyrik im Kanon kultureller Praktiken, die trotz immer wieder unternommener interdisziplinärer Zugänge (Bernhart/Wolf 2001, Danuser 2004) erst ansatzweise, insbesondere für den skandinavischen Raum noch gar nicht untersucht sind (für das frühe 19. Jahrhundert vgl. die Arbeiten von H.W. Schwab).

In Anlehnung an die von H. Danuser vorgeschlagene Gattungsbezeichnung “musikalische Lyrik”, die als eine “Supragattung” (Danuser 2004, 1, 16) neben Liedern sowohl Konzertstücke und Orchesterlieder als auch Instrumentalstücke, die sich auf Lyrik beziehen, umfasst, untersucht das Projekt die Aufführungskultur von Gedichtvertonungen in Skandinavien. Der Zeitrahmen reicht von den ersten öffentlichen Konzerten um 1870 bis ca. 1920, einer Zeit, als musikalische Lyrik endgültig auch als symphonische Großform etabliert ist (A. Schönbergs Gurrelieder nach J.P. Jacobsen) und als erste Tonträger produziert werden. Aufgrund der engen personellen Vernetzung der skandinavischen Musikszene, die sich beispielsweise in den Nordiske Musikblade (1872 ff., hg. von E. Grieg, C.F.E. Hornemann und A. Söderman) manifestiert, soll der Untersuchungsraum die drei kontinentalskandinavischen Länder umfassen.

Teilprojekt 6: Archivierung von Präsenz: Literatur auf frühen Tonträgern 1890–1925 (Jan-Philipp Holzapfel)

Mit der Einführung neuer phonographischer Technologien (Aufzeichnungsapparaturen, Speicher- und Übertragungsmedien) am Ende des 19. Jahrhunderts eröffnen sich der Stimme als Vermittlerin von Diskursen völlig neue mediale Horizonte. Die Faszination, gesprochene Sprache aufzeichnen und die vom Körper des Sprechenden losgelöste ‘Physiognomik der Stimme’ als Surrogat körperlicher Präsenz konservieren zu können, bestimmte in den Anfangsjahren den Diskurs über die Phonographie und auch ihren Einsatzbereich. Mit der Einführung der Tonaufzeichnung entwickelt sich eine neue Stimm- und Tonästhetik. Innerhalb weniger Jahre rückte die aufgezeichnete und übertragene Stimme zu einem ähnlich bedeutenden Medium auf wie Schrift und Bild.

In Skandinavien wurden seit dem frühen 20. Jahrhundert zahlreiche literarische Texte von Schauspielern oder den Autoren selbst eingesprochen und archiviert. Das Teilprojekt widmet sich diesen Aufzeichnungen, indem es deren medienkulturgeschichtlichen Hintergründe und Prämissen aufarbeitet, die Auswahl der Texte und der Sprecherinnen und Sprecher untersucht und diese Praxis der Konservierung von Stimmen einer- und von Literatur andererseits als Archivierung von Präsenz beschreibt. Dafür sollen auch der zeitgenössische skandinavische Diskurs über Rolle und Bedeutung der Stimme aufgearbeitet werden und – anknüpfend an Teilprojekt 1 (“Autorenlesungen um 1900”) – Konzepte von Mündlichkeit und Schriftlichkeit innerhalb des Untersuchungszeitraums in den Blick genommen werden.

Kulturwissenschaftliche Forschungen der vergangenen Jahre haben der Stimme als körperhaftem Medium viel Aufmerksamkeit gewidmet (u.a. Kittler, Macho u. Weigel 2002, Epping-Jäger u. Linz 2003, Felderer 2004 und Kolesch u. Schrödl 2004); an deren medientheoretische Überlegungen kann das Projekt ebenso anknüpfen wie an germanistische Arbeiten zur Bedeutung der Sprechkünste um 1900 (Meyer-Kalkus 2001). Das Projekt kann und soll gleichwohl nicht den Mangel an einer grundlegenden Untersuchung zur Sprechkunst in Skandinavien kompensieren und die Tondokumente nicht als Zeugnisse für bestimmte Sprechweisen instrumentalisieren, sondern vielmehr das Archivieren als eine literarische Praxis beschreiben und den Materialcharakter der Aufzeichnungen für verschiedene Diskurse (Literatur- und Theatergeschichte, Phonetik, Sprechkunst etc.) anschaulich machen.

Teilprojekt 8: Schul-Lektüren (Esther Prause)

Seit der Einführung des Muttersprachenunterrichts ist die Schule die wohl wichtigste Institution für die Einübung von literarischen Praktiken und Umgangsweisen mit Texten. Im Klassenzimmer erlernen die Schülerinnen und Schüler nicht nur die Technik des Lesens, sondern auch dessen verschiedene performative Ausprägungen, also die stille Lektüre ebenso wie das Vorlesen, das Lesen mit verteilten Rollen ebenso wie das Memorieren für den auswendigen Vortrag und das Vortragen selbst. Sie lernen Texte situationsbedingt zu verwenden, zu bewerten und zu interpretieren. Dabei kommt der Schule eine wichtige normative und regulatorische Funktion zu, sowohl in der Auswahl kanonischer Texte als auch in der Vermittlung der als relevant erachteten literarischen Praktiken. Die in der Schule vermittelte literarische Kompetenz und die praktische Einübung in bestimmte Umgangsweisen bilden die Grundlage für die Teilhabe an den Praktiken, die in den anderen Teilprojekten untersucht werden. Daher kann sich dieses Projekt nicht nur einer literarischen Praktik widmen, sondern nimmt gleich mehrere in den Blick. Ziel ist es,

  • die in der Schule angewandten literarischen Praktiken und den ihnen zugewiesenen Stellenwert historisch zu rekonstruieren,
  • ihre pädagogische Funktionalisierung zu analysieren,
  • eventuelle Entwicklungs- oder Verschiebungstendenzen herauszuarbeiten und
  • sie mit den anderen hier untersuchten Praktiken zu kontextualisieren, bzw. die Rolle der Schule im Kontext anderer literarischer Institutionen zu analysieren.

Der Untersuchungszeitraum umfasst die Jahre von etwa 1870 bis 1910, die geprägt sind von einer intensiven Debatte über pädagogische und literaturdidaktische Fragen, vor allem in Schweden, aber auch mit Bezugnahmen und Ausstrahlung auf die Nachbarländer Dänemark und Norwegen. Da eine Frucht dieser Debatte die Konzeption neuer Lesebücher für die schwedische Volksschule war, die von namhaften Autoren wie Selma Lagerlöf, Verner von Heidenstam und Sven Hedin verfasst wurden, ist sie literaturgeschichtlich gut erforscht (u.a. durch Ollén 1996 und Nix 2002). Allerdings liegt der Fokus hier auf Fragen der Textauswahl und des Kanons, nicht aber auf der Methodik und dem im Unterricht praktizierten Umgang mit der Literatur. Neben der Volksschule als elementarer Bildungseinrichtung wird vor allem das Gymnasium als Vermittlungsraum für bürgerliche literarische Praktiken in den Blick genommen. Die Untersuchung fokussiert auf Schweden; Norwegen und Dänemark werden aber vergleichend ebenfalls in den Blick genommen.

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